august 2020

first draft for “troubled shores” – august 8th

august 2nd

40.555 – Poetenfest Erlangen

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Eine besonders wichtige Rolle spielt diesmal der öffentliche Raum: Der Kriegsfotograf Wolf Böwig bringt den Gewaltraum Europa auf die Straßen und Plätze von Erlangen. Dabei richtet er den Blick auf die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln und die Situation an den europäischen Außengrenzen.

br24 Kultur

Stationengespräch mit Marko Dinić und Wolf Böwig zur Situation an den EU-Außengrenzen – ca. 90min

29.8. –  17Uhr

Anmeldung (erforderlich)

30.8. – 14Uhr

Anmeldung (erforderlich)

Programm

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Wo hat die Grenze jemals das auseinandergerissen, was die Gewalt nicht willens war, aufrecht zu erhalten. Gibt es die Grenze überhaupt – oder gibt es nur den Menschen, in dem ich alles Schlechte vermute. Seine Nationen, seine Hautfarben, seine Sprachen, seine Ursachen, seine Grenzen, seine Gewalt lassen die Kinder nachts nicht schlafen. Tagsüber sind wir müde von den Nachrichten, die sich nachts wie Wasser in Regentonnen sammeln: Gestern ist es wieder einmal passiert – mehr als achthundertdreißig / dreihundertzwanzig / achtzig / hundertsiebzig / vierzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig. Niemand redet über so viele Silben – von Zahlen ganz zu schweigen. Ein Boot voller Niemand ist die Rede nicht wert. Was lässt uns nachts nicht schlafen, was tagsüber sich wegzählen lässt. Zäher Gedanke. Ich tue den Menschen nicht recht.

Die Grenze ist der Gewaltraum – Traum des patrouillierenden Soldaten. Ich tue dem Soldaten nicht recht, er hat schließlich eine Familie zu ernähren mit Gummigeschossen, Knüppeln, Schlägen, Schrot und Blei. Die Werte warten – geduldig lassen sie jede Vergewaltigung eines Kindes durch einen Soldaten über sich ergehen. Der Tod klopft, auch er muss sich einreihen – zuerst muss sich die Lunge mit Wasser füllen. Niemand redet über so viele Menschen. Europa ist eine Statistik. Die Grenze schläft.

Marko Dinić

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Wer leidet, blickt auch zurück. Doch auf sich selbst zurückgeworfen, kann man im Vergangenen nur ankern. In den heißen Räumen von Konflikten und Krisen wird Zeit gestaut und geschmolzen. Gründe verstummen. Was dafür gehalten wird, übertönt alles andere. Krieg stößt Menschen auch noch aus jener Geschichte aus, als deren Teil sie verletzt werden. Ihre eigenen Erfahrungen bleiben gleichwohl verwoben mit den Generationen zuvor. Ohnmacht, Schicksal, Spielball, immer wieder dieses Gefühl: Im Südsudan ringen die ehedem Versklavten um ihre Unabhängigkeit, bevor sie in einem Bürgerkrieg über sich herfallen. Der südöstliche Balkan ist voller Episoden von Entwurzelten, die ihre Heimat für den nationalen Gedanken aufgeben mussten. Wie so oft: Im Kampf um die Freiheit ist sie selbst nicht gefunden worden. Oder sie erstarrt im grellen Blitzlicht alter Verwundungen. Gewalt gemeinsam zu erleben, zerstört jedes Vertrauen, das eigene Leben gestalten zu können. Ihre Folgen schwären. Staaten scheitern, wenn nicht alle wissen: Warum?

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Nur der Schlaf ist den Geflüchteten geblieben. Eine unsichere Zuflucht, denn Grenzen entscheiden über ihr Schicksal. Kriege zerstören Leben, Zäune Hoffnungen. So werden Lampedusa, Idomeni oder Moria zu den neuen Zeitworten des Unmenschlichen. Ihre Bilder aber bleiben steril. Wie im Frühjahr 2016 aus Idomeni, einem Dorf zwischen Griechenland und dem nördlichen Mazedonien. Mehr als zehntausend Menschen stranden hier. Die Geflüchteten verwandeln ihre Leiber in Zeichen des Protests. Europäische Flüchtlingspolitik und nationale Souveränitätsansprüche überlagern einander. Seit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien ist das südöstliche Europa ein Flickenteppich umstrittener, offener und geschlossener Grenzen. Einer der schwelenden Konflikte: der Kosovo, stets bedroht von serbischen Ansprüchen und selbst auf eine völlige Albanisierung des Landes bedacht. Auch die Europäische Union will Europa abschotten, zusammen mit den untereinander verfeindeten Staaten der Region. Schutzwall statt Balkanroute ist die Devise. Recht wird gebeugt und gebrochen, Worte wie „Push Back“ und „Hot Spot“ verschleiern die Gewalt nicht einmal mehr.

Habbo Knoch

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Krieg – Ludwig Renn

Hast du dir schon einmal überlegt, was ein Nervenschock eigentlich ist?

Bei jedem Schreck wird irgendein Eindruck vors Bewußtsein gebannt. Man starrt den Eindruck an. Aber der ist gerade unwesentlich. Wer die Geisteskraft hätte, sich bei einem unerwarteten Ereignis frei umzusehen, könnte nicht erschrecken. Du quälst dich mit irgendeiner Vorstellung. Aber die ist ganz gleichgültig.

Und sieh mal dort den blühenden Kirschbaum – deshalb habe ich dich nämlich hergeführt -, sieh ihn dir mal an.

Aufbau Verlag – Krieg

Happy are those who

died without ever having had to ask themselves: “If they tear out my fingernails, will I talk?”. But even happier are others, barely out of their childhood, who have not had to ask themselves that other question: “If my friends, fellow soldiers, and leaders tear out an enemy’s fingernails in my presence, what will I do?”

Jean Paul Sartre

 

Europa in Trümmern – Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944-1948

Um die Verbitterung der Menschen in Europa zu verstehen, müssen wir uns, die wir niemals unter der Erde bis zum Tode eingekerkert sein werden, diesen Schrecken vor Augen halten.

Hier waren Männer und Frauen eingeschlossen gewesen, ohne Decke oder Licht; hier lebten sie, solange ihre Körper durchhielten. In den Winkeln der Steinmauern sind die Asche und Reste kleiner Feuer zu sehen. … An den Wänden stehen Namen, mit Holzkohle geschrieben: als hätte ein Mann oder eine Frau im Sterben das wilde Bedürfnis verspürt, in diesem schwarzen Schweigen noch ein Wort oder einen Schrei zu hinterlassen.

Martha Gellhorn – Paris, September 1944

DIE ANDERE BIBLIOTHEK – Europa in Trümmern

On the ground are some things I would rather not to describe in detail,

but among them the torso and head of a young woman who has blown herself up. Parts of the people she killed are also lying around. I learn later that her name is Rajana Devi and she was in her late twenties.

I am left with the imagining of her last seconds; of the sound of voices and traffic, the curious expressions of those around her, and whatever thought, who knows what it was, that went through her mind before the blinding flash of oblivion.

Fergal Keane – Letter to Daniel

july 2020

peppermint, celery, chives, hortensia – july 30th

july 29th

july 28th

last orchid – july 25th

treespinach – july 20th

more …

RIP: Andreas

…last time we met on the road to Donezk.

Andreas Oplatka

upcoming – SIGNUM MORTIS

Von 1990 bis heute hat der Fotograf Wolf Böwig wiederholt Reportagereisen
durch den nördlichen Balkan, das ehemalige Jugoslawien und dessen
Nachfolgestaaten unternommen. Seine z.T. preisgekrönten Bilder spiegeln
die gravierenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser
Region im vergangenen Vierteljahrhundert wider: die Kriege, die nationalen
und ethnischen Konflikte sowie den Wiederaufbau bis hin zu den Konflikten
um die jüngsten Flucht- und Migrationsbewegungen.

Die Vernissage am 5.12.2020 um 15 Uhr wird der Historiker Prof. Dr. Habbo
Knoch, Universität zu Köln, mit einem Einführungsvortrag eröffnen.
Die Ausstellung ist vom 5. bis 20.12.2020 während der Öffnungszeiten des
Kulturzentrums Pavillon zu sehen.

in Kooperation mit dem Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.

mayors for peace

Writers on Art – The Art of the Word

Reading it, it struck me as strange that someone whose life is so centred around the power of words should have looked away from words. Was it just my great-aunt’s language that I thought wasn’t up to the challenge of conveying everything the letter symbolised, or was it language itself that falls short?

It is worth mentioning here that it’s widely believed that the greatest piece of writing – indeed, the greatest piece of art – created about Partition is a short story, called ‘Toba Tek Singh’, just a handful of pages long, by the Urdu writer Saadat Hasan Manto. The story is about the (and I’m using the language of the time) inmates of a lunatic asylum in the district of Toba Tek Singh, near Lahore. When Partition takes place, the lunatics must be divided between India and Pakistan. It ends with one of the inmates lying down in no man’s land, muttering nonsense words: ‘Upar di gur gur di annexe di be-dhiyana mung di daal of di Toba Tek Singh and Pakistan’. A rough translation would go: ‘Upstairs the rumbling the annex the heedlessness the lentils of Toba Tek Singh and Pakistan’. A man speaking nonsense words in a world where reality is beyond what words can convey – that is part of the effectiveness of this story. The Partition of word and meaning. The inability of language to make sense of what is going on, except through conveying senselessness.

Kamila Shamsie

Writers on Art – The Art of the Word

 

 

 

She asks the sunroof to be opend. She wants to acknowledge them,

rises into the evening air to look out over the crowd. She lifts her hand, smiling brightly, and begins to wave. An hour later, crowds are laying siege to Rawalpindi General Hospital, smashing its windows and breaking its doors. Inside, doctors are trying to keep her alive. …

Ron Suskind – THE WAY OF THE WORLD

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