lost and found: medico – Report 26 / August 2005

Im Inneren der Globalisierung – Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten

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Im ersten Teil des vorliegenden Bandes geht es um einen Begriff dessen, was
Trauma in verschiedenen Kontexten bedeuten kann. Zum Einstieg beschreibt
Usche Merk die Erfahrungen von Trauma und psychosozialer Arbeit am Beispiel
der medico-Geschichte. Die Praxis, die sich auf dem Hintergrund post-diktatorischer
Gesellschaften entwickelt hat, muss sich heute den Auswirkungen nicht-staatlicher
und innerfamiliärer Gewalt stellen und eine radikale Ethik gegen jegliche Art der
Instrumentalisierung und des Missbrauchs entwickeln.
Die Strukturmerkmale und Veränderungen, die die aktuellen bewaffneten Konflikte
prägen, erläutert der Beitrag von Anne Jung am Beispiel der jüngsten Bürgerkriege
in Afrika. Diese sind eingebunden in einen globalen Kampf um Rohstoffressourcen,
in der allein lokale Gewaltökonomien die Zugänge verwalten und kontrollieren.
Fernando Suazo beschreibt in seinem Text, wie Kultur und Identität zu einer Ressource
der guatemaltekischen Mayas werden, sich mit dem psychosozialen Trauma
zu konfrontieren und ihre Anerkennung als Subjekte einzuklagen.

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Zwei Jahre, fünf Kriege später – Život umjetnosti 103/2018

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Život umjetnosti 103/2018

 

Text: Ivona Grgurinovic

Konzept, Fotografie und Collage: Wolf Böwig

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Charles Taylors Kriege endeten 2003, heißt es. 2012 wurde er vom UN-Sondergericht für Sierra Leone zu fünfzig Jahren Haft verurteilt. Er verbüßt sie in der malerischen nordenglischen Stadt Durham. Die Ungerechtigkeit des Krieges ist schnell, ungeduldig und gleichgültig, sie teilt Schläge aus, ohne Fragen zu stellen. Die Gerechtigkeit der Nachkriegszeit ist langsam und gründlich und eröffnet Chancen.

Diese Chancen blieben verwehrt:

Lucy Lansana
Baby Cenci
Mariama Soaré
Uata Bockarye
Lamine Conowy
Jussu Morana
Kafa Morana
Tiange Lahal
Massah Kokima
Braima Caulker
Suleyman Morana
Mariana Morana
Kadi Cenessi
Foday Cassó
Momu Bendu
Gassumu Kandó
Hawa Siaka
Lahai Yorgboh
Braima Lamine
Wamen Soko
Massa Cissé
Morie Massalé
Sina Mahe

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FAZ; 3.1.2019

GTR Teil 11

von Habbo Knoch

Salang – Geschlagen: Die Ernüchterung über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan hat Tradition. Am Hindukusch ist kaum etwas zu gewinnen. Dennoch war die Sowjetunion 1979 siegesgewiss: Die Anlage des zeitweilig höchst gelegenen Straßentunnels der Welt unterhalb des Salang-Passes sollte einen leichten Weg in den Süden des Landes ebnen. Vergeblich. Seitdem ist das Land im dauernden Ausnahmezustand. Immer wieder kehrt der Krieg auch nach Salang zurück. Die Region hielten die Taliban und ihre Radikalisierung des Religiösen jahrelang in Acht und Bann. Bis heute zerstören Anschläge immer wieder Hoffnungen auf Frieden. Ob Salang, das Flüchtlingsmädchen aus den Bergen, ihn je erleben wird? Ohnehin zählt der Staat in den autonomen Stammesgebieten der „Afpak“-Region, wie Militärs das Krisengebiet nennen, nicht viel. Wer hier keine Waffe hat, braucht viel Gottvertrauen. Doch hüte sich, wer der einen oder anderen Regierung zu nahe tritt: Geheimdienstberserker beweisen einander zu gern ihre Autorität. Schlagen sie zu und lassen ihre Opfer dann am Grenzsaum einfach liegen, dauert der Weg ins andere Land länger als ohnehin schon, nicht ohne Opium gegen den Schmerz und zynische Patronenspiele mit Soldaten. Genauso ist es Glückssache, in Kabul einem Selbstmordattentäter zu entkommen.

FAZ; 6.12.2018

GTR Teil 10

von Habbo Knoch

Peshawar – Ausgespielt: Die Menschen im Schatten des legendären Chaiber-Passes leben seit jeher vom Handel. Statt tiefblauem Lapislazuli und edlen Persianern gibt es heute Handgranaten für ein paar Dollar und Drogen im Kilopack. Der Staat ist so weit weg wie der Gipfel des K2. Denn hier, am östlichen Rand ihrer autonomen Stammesgebiete, herrschen die Paschtunen. Für sie ist die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan die poröse Fiktion eines Staates, den sie nicht anerkennen. Sie haben das „Great Game“ zwischen England und Russland um diese strategisch wichtige Region im 19. Jahrhundert gewonnen. Seit 1979 wiederholt es sich: Peshawar hat sich explosionsartig ins brandgefährliche Epizentrum islamistischen Terrors verwandelt. Schon 2001 fiel ihm der „Löwe vom Pandjshir“ im Widerstand gegen die Taliban zum Opfer, Ahmad Schah Massoud, die Hoffnung der muslimischen Demokraten. Wie eine Metapher auf diese Gewalt lieben die Menschen in Peshawar das traditionelle Buzkashi. Als gäbe es kein Morgen wird vom Pferd aus um einen toten Ziegenkörper gerungen. Die Reiter sind Abhängige: Reiche Clans verbinden Bestechung, Glückspiel und Geldwäsche mit dem Kampf um Ehre und Macht. Ein paar Schritte, wenige Momente weiter wird aus dem gespielten Krieg – blutiger Ernst.

lost and found: Die Gazette Winter 2012/2013

Eine Nacht im Florida / Die Geschichte von Morie

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Heribert Prantl – Vom großen und kleinen Widerstand

Gedanken zu Zeit und Unzeit

Für weniger als dreißig Silberlinge

„Ich bin´s, ich sollte büßen“, heißt es im Text von Paul Gerhardt, den Bach in seiner Matthäuspassion vertont hat. Er zeigt den Weg zur selbstkritischen Judas-Interpretation. Sie gemahnt an den Judas in einem selber. Man weiß, dass man selbst versucht ist zu verraten, dass man es manchmal tut: Man verrät Menschen, die einem nah sind, und Ideale, die einem am Herzen liegen; für weniger als dreißig Silberlinge, sogar aus gutem Willen.

In Burgund, in der Basilika Saint-Marie-Madeleine, sieht man eine wundersame Darstellung: Dort nimmt Christus den Leichnam des erhängten Judas auf seine Schultern und trägt ihn wie der gute Hirte das verlorene Schaf. Das ist das Osterbild.

Süddeutsche Zeitung Edition – Vom großen und kleinen Widerstand

Timothy Snyder – Der Weg in die Unfreiheit

Russland. Europa. Amerika.

Viele Amerikaner sahen keinen Unterschied mehr zwischen jemandem, der ständig log und sich nie niemals dafür entschuldigte, und jemandem, des fast nie log und seine eigenen Fehler berichtigte. Sie akzeptierten die Beschreibung der Welt, die ihnen Surkow und RT boten: In Wirklichkeit sagt niemals jemand die Wahrheit, vielleicht gibt es gar keine Wahrheit, lasst uns also einfach die Dinge wiederholen, die wir gerne hören, und denen gehorchen, die sie sagen. Dieser Weg führt in den Autoritarismus.

Trump wurde als „Populist“ bezeichnet. Ein Populist ist jedoch jemand, der politische Ideen zur Verbesserung der Lebenschancen für die breite Masse der Bevölkerung vorträgt, nicht für die finanziellen Eliten. Trump war etwas anderes: ein Sadopopulist, dessen politische Ideen darauf angelegt waren, dem verwundbarsten Teil seiner eigenen Wählerschaft zu schaden. Solche Menschen konnten, vom Rassismus des Präsidenten ermutigt, ihr eigenen Leid als Zeichen für ein noch größeres Leid verstehen, das anderen Menschen zugefügt wurde.

C.H.Beck – Der Weg in die Unfreiheit

FeuilletonFrankfurt

Der feine kleine Raum der Galerie-Peter-Sillem hat sich abermals in ein perfektes Gehäuse verwandelt für eine Schau, die dem Betrachter einen neuen Blick auf eine Welt des Leides in Krisengebieten ermöglicht, die den meisten von uns verborgen ist: Mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien und deren rauen Oberflächen, mit schmalen zusammengefügten Fotostreifen, die fast filmisch kleine Geschichten vom Balkankrieg, vom Afghanistankrieg und von Afrika, den Bürgerkriegen in Sierra Leone, Liberia, der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau, erzählen. Wolf Böwig hat die Sicht darauf tagebuchartig dokumentiert, überblendet, mit Vorgefundenem überklebt und überkritzelt, in Boxen gepackt, so als wollte er damit das Grauen bannen und gleichsam außer Kraft setzen. Er hat seine fotografischen Erinnerungsspuren überschrieben und wie eine menschliche Anthologie komponiert und kommentiert, so dass sich unter deren Oberfläche Neues und Anderes entwickelt.

Zur Ausstellungseröffnung am 7. November 2018 gab die ehemalige Kriegsreporterin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, Berlin, eine sehr treffende Einführung in die Ausstellung, in der sie das Verstörende, wie die spezifische Brutalität eines Völkermords, einer ethnischen Vertreibung oder eines Bürgerkriegs beschrieb, aber auch das darin aufblitzende Vertraute, die verbindende Humanität, die Gemeinsamkeit der einen Welt. Die Foto-Dokumente laden natürlich den Betrachter dazu ein, die dahinterliegende ganze Geschichte zu dechiffrieren und zu verstehen. Das Besondere an Wolf Böwigs Fotos und Collagen sei, dass er sich selbst und die ganze Komplexität dieser versehrten Welt auch dem Betrachter zumute und sie nicht schlicht vereinfache. Gleichzeitig erzählte sie uns, dass das Leid immer etwas Besonderes, Außergewöhnliches sei, „ganz gleich wie häufig und alltäglich es sein mag, es ist immer spezifisch in einer bestimmten Wüste, einer bestimmten Stadt“.

von Petra Kammann

FeuilletonFrankfurt

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