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FAZ; 6.12.2018

GTR Teil 10

von Habbo Knoch

Peshawar – Ausgespielt: Die Menschen im Schatten des legendären Chaiber-Passes leben seit jeher vom Handel. Statt tiefblauem Lapislazuli und edlen Persianern gibt es heute Handgranaten für ein paar Dollar und Drogen im Kilopack. Der Staat ist so weit weg wie der Gipfel des K2. Denn hier, am östlichen Rand ihrer autonomen Stammesgebiete, herrschen die Paschtunen. Für sie ist die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan die poröse Fiktion eines Staates, den sie nicht anerkennen. Sie haben das „Great Game“ zwischen England und Russland um diese strategisch wichtige Region im 19. Jahrhundert gewonnen. Seit 1979 wiederholt es sich: Peshawar hat sich explosionsartig ins brandgefährliche Epizentrum islamistischen Terrors verwandelt. Schon 2001 fiel ihm der „Löwe vom Pandjshir“ im Widerstand gegen die Taliban zum Opfer, Ahmad Schah Massoud, die Hoffnung der muslimischen Demokraten. Wie eine Metapher auf diese Gewalt lieben die Menschen in Peshawar das traditionelle Buzkashi. Als gäbe es kein Morgen wird vom Pferd aus um einen toten Ziegenkörper gerungen. Die Reiter sind Abhängige: Reiche Clans verbinden Bestechung, Glückspiel und Geldwäsche mit dem Kampf um Ehre und Macht. Ein paar Schritte, wenige Momente weiter wird aus dem gespielten Krieg – blutiger Ernst.

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lost and found: Die Gazette Winter 2012/2013

Eine Nacht im Florida / Die Geschichte von Morie

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Heribert Prantl – Vom großen und kleinen Widerstand

Gedanken zu Zeit und Unzeit

Für weniger als dreißig Silberlinge

„Ich bin´s, ich sollte büßen“, heißt es im Text von Paul Gerhardt, den Bach in seiner Matthäuspassion vertont hat. Er zeigt den Weg zur selbstkritischen Judas-Interpretation. Sie gemahnt an den Judas in einem selber. Man weiß, dass man selbst versucht ist zu verraten, dass man es manchmal tut: Man verrät Menschen, die einem nah sind, und Ideale, die einem am Herzen liegen; für weniger als dreißig Silberlinge, sogar aus gutem Willen.

In Burgund, in der Basilika Saint-Marie-Madeleine, sieht man eine wundersame Darstellung: Dort nimmt Christus den Leichnam des erhängten Judas auf seine Schultern und trägt ihn wie der gute Hirte das verlorene Schaf. Das ist das Osterbild.

Süddeutsche Zeitung Edition – Vom großen und kleinen Widerstand

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Timothy Snyder – Der Weg in die Unfreiheit

Russland. Europa. Amerika.

Viele Amerikaner sahen keinen Unterschied mehr zwischen jemandem, der ständig log und sich nie niemals dafür entschuldigte, und jemandem, des fast nie log und seine eigenen Fehler berichtigte. Sie akzeptierten die Beschreibung der Welt, die ihnen Surkow und RT boten: In Wirklichkeit sagt niemals jemand die Wahrheit, vielleicht gibt es gar keine Wahrheit, lasst uns also einfach die Dinge wiederholen, die wir gerne hören, und denen gehorchen, die sie sagen. Dieser Weg führt in den Autoritarismus.

Trump wurde als „Populist“ bezeichnet. Ein Populist ist jedoch jemand, der politische Ideen zur Verbesserung der Lebenschancen für die breite Masse der Bevölkerung vorträgt, nicht für die finanziellen Eliten. Trump war etwas anderes: ein Sadopopulist, dessen politische Ideen darauf angelegt waren, dem verwundbarsten Teil seiner eigenen Wählerschaft zu schaden. Solche Menschen konnten, vom Rassismus des Präsidenten ermutigt, ihr eigenen Leid als Zeichen für ein noch größeres Leid verstehen, das anderen Menschen zugefügt wurde.

C.H.Beck – Der Weg in die Unfreiheit

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FeuilletonFrankfurt

Der feine kleine Raum der Galerie-Peter-Sillem hat sich abermals in ein perfektes Gehäuse verwandelt für eine Schau, die dem Betrachter einen neuen Blick auf eine Welt des Leides in Krisengebieten ermöglicht, die den meisten von uns verborgen ist: Mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien und deren rauen Oberflächen, mit schmalen zusammengefügten Fotostreifen, die fast filmisch kleine Geschichten vom Balkankrieg, vom Afghanistankrieg und von Afrika, den Bürgerkriegen in Sierra Leone, Liberia, der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau, erzählen. Wolf Böwig hat die Sicht darauf tagebuchartig dokumentiert, überblendet, mit Vorgefundenem überklebt und überkritzelt, in Boxen gepackt, so als wollte er damit das Grauen bannen und gleichsam außer Kraft setzen. Er hat seine fotografischen Erinnerungsspuren überschrieben und wie eine menschliche Anthologie komponiert und kommentiert, so dass sich unter deren Oberfläche Neues und Anderes entwickelt.

Zur Ausstellungseröffnung am 7. November 2018 gab die ehemalige Kriegsreporterin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, Berlin, eine sehr treffende Einführung in die Ausstellung, in der sie das Verstörende, wie die spezifische Brutalität eines Völkermords, einer ethnischen Vertreibung oder eines Bürgerkriegs beschrieb, aber auch das darin aufblitzende Vertraute, die verbindende Humanität, die Gemeinsamkeit der einen Welt. Die Foto-Dokumente laden natürlich den Betrachter dazu ein, die dahinterliegende ganze Geschichte zu dechiffrieren und zu verstehen. Das Besondere an Wolf Böwigs Fotos und Collagen sei, dass er sich selbst und die ganze Komplexität dieser versehrten Welt auch dem Betrachter zumute und sie nicht schlicht vereinfache. Gleichzeitig erzählte sie uns, dass das Leid immer etwas Besonderes, Außergewöhnliches sei, „ganz gleich wie häufig und alltäglich es sein mag, es ist immer spezifisch in einer bestimmten Wüste, einer bestimmten Stadt“.

von Petra Kammann

FeuilletonFrankfurt

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7/8.11.2018; Frankfurt

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Einführung von Carolin Emcke


Ganz herzlichen Dank für die Einladung, hier sprechen zu dürfen. Auch wenn das eine sonderbare Aufgabe ist: über Photos zu sprechen.
 
Im besten Fall ist das überflüssig – wenn es das, was die Bilder auf ihre ganz eigene Weise zu erzählen wissen, noch einmal überschreibt. Im schlimmsten Fall verengt das Sprechen über Bilder all jene assoziativen Räume, verkleinert all jene Phantasien wieder, die die Bilder – und womöglich nur die Bilder – doch gerade zu öffnen vermochten. Im schlimmsten Fall verschließt das Sprechen über Bilder all die Möglichkeiten der Empathie und der Reflektion, die Bilder in den Betrachter*innen auslösen können.

Und doch gibt es einen Grund, warum ich die Einladung gern angenommen habe: denn die Bilder von Wolf Böwig lassen sich kaum teilnahmslos betrachten, sie dienen nicht der ästhetischen Erbauung, sondern sie drängen und bedrängen einen auch: sie zu befragen und sich selbst zu befragen. Ich vermute, das geht Ihnen auch so, wenn Sie sich heute ein wenig umschauen. Und dazu würde ich Sie einladen: die Bilder und sich zu befragen. Und mit denen zu sprechen, die neben Ihnen stehen, ob Sie die schon kennen oder nicht, spielt keine Rolle.
 
Was für Fragen da entstehen? Da ist zunächst einmal das Naheliegende und  das hat mit dem zu tun, was hier zu sehen ist, mit den Orten, denen sich  Wolf Böwig auf seinen unermüdlichen Reisen nach Sierra Leone oder Osttimor,  nach Bangladesh oder Indien, nach Kuba oder dem Balkan ausgesetzt hat: Landschaften der Verwüstung und Menschen, die im Radius der Gewalt zu überleben versuchen, mit aller Würde oder Würdelosigkeit, je nachdem.

Das ist das erste, was wir, die wir uns das nicht zugemutet haben, die wir verschont sind, uns fragen, wenn wir die Photos von Wolf Böwig sehen: Was ist das für eine Welt, die wir angeblich teilen mit denen, die auf diesen Bildern zu sehen sind?

Die Frage ist nur dann wirklich interessant und schmerzlich, wenn sie beides gleichzeitig gestattet: die Einsicht, dass jene Welt ganz anders ist, dass sich nichts daran wiederfinden lässt von dem, was wir kennen oder denken, dass Menschen erdulden sollten, und die Einsicht, dass diese Welt eine gemeinsame ist, dass sich Bezüge herstellen lassen können zwischen den Figuren darauf und uns selbst.

Nur wenn das, was auf den Photos zu sehen ist, einem fern und nah erscheint, nur wenn es verstört und vertraut ist, kommt beides zu seinem Recht: die Andersartigkeit oder Besonderheit eines bestimmten Landes, eines historischen Kontexts, die spezifische Brutalität eines Völkermords, einer ethnischen Vertreibung, eines Bürgerkrieges und die verbindende Humanität, die Gemeinsamkeit der einen Welt, für die ich eben nicht nur distanziertere Beobachterin, sondern mit verantwortliche Zeugin bin.
 
Schlechte Kriegsphotographen verschlichten diese Ambivalenz gern. Sie lösen sie auf in die eine oder die andere – falsche – Richtung: die erste Sorte schlechter Photographen versucht uns Tod und Zerstörung als unbeschreibbare Phänomene zu verrätseln oder zu mythifizieren. Sie erzeugen Bilder, die uns ausschließen oder abstoßen, Bilder, die uns den Krieg als einen militärisch-industriellen Komplex, als einen unübersichtlichen Dschungel, als exotisch-animalischen Exzess entrücken, so weit weg, so unverständlich, dass nichts darin mit uns oder unserer Welt hier zu tun hat. Solche Bilder lassen sich fasziniert betrachten, weil sie uns nichts angehen.
 
Die andere Sorte schlechter Kriegsphotographen verschlichtet in die andere Richtung: sie versuchen, alle Unterschiede, alle Qual zu überdecken durch eine Form der pornographischen Ästhetik, die all das zerfranste, fragmentierte, unübersichtlich Grausame einer fernen Gegend nicht zeigen will. Solche Bilder lassen sich bequem betrachten, weil sie eine intime Nähe simulieren, die sie dauernd verraten.

Wolf Böwig, und das ist das Wunderbare an ihm und seinen Photographien, entzieht sich der Versuchung anbiedernder Unterforderung. Vielleicht ist das eine der besonders unzeitgemässen Eigenheiten dieses unzeitgemässen Photographen: dass er überfordern will. Sich selbst und andere. Ich weiß nicht, wie bewusst er sich dafür entscheidet oder ob es gleichsam eine Folge der inneren Not ist, die jeden befällt, der einmal in diese Gegenden der Gewalt gereist ist. Wolf Böwig versucht nicht, die innere Unordnung, die Verzweiflung, die durch die Begegnung mit Leid entsteht, zu sortieren, er versucht nicht, die gewaltförmigen Zustände zu vereinfachen, sondern er mutet sich und uns die ganze Komplexität dieser versehrten Welt zu. Das ist zunächst einmal eine ästhetische Entscheidung: die Bilder halten selten einen eindeutigen Moment fest, selten bietet sich nur eine einzige Deutung an, selten versteht sich von selbst, was zu sehen ist, was geschieht. Oft sind die Bilder wie eine Einladung, in sie hineinzusteigen, wie bei Woody Allens „Purple Rose of Cairo“, wo der Protagonist aus dem Film auf einmal aus der Leinwand ins nicht-fiktive Leben heraus tritt – nur hier eben umgekehrt. Wenn Sie lange genug ein Bild von Wolf Böwig betrachten, wenn sie lange genug sich fragen, was da geschieht, steigen Sie ein und beginnen, sich in der Szene zu bewegen, die Augenblicke vor der Aufnahme, die danach zu erkunden, Sie möchten verstehen, warum eine Person da steht, liegt, wer wen verletzt, wer wem Befehle erteilt hat, woher die Erschöpfung rührt, woher die Herzenskälte, sie möchten die Schrift dechiffrieren, die Spuren an den Gebäuden, in den Körpern berühren. Sie möchten nicht nur den einen Moment betrachten, sondern die ganze Geschichte verstehen.

Wolf Böwig ist ein Autor-Photograph. Er zeigt nicht nur, er erzählt auch. Er macht – photographisch-erzählend – auch Pausen, er lässt Lücken, er springt im Erzählen, er spricht zu schnell, er holpert, fängt sich wieder, hält inne und schweigt. Ich könnte das an jedem einzelnen der Bilder, die hier heute versammelt sein, aufzeigen. Aber es ist schöner, wenn Sie das selbst entdecken.

Was mich am meisten berührt an Wolf Böwig ist, dass er hadert, dass es ihm selbst nie reicht. Dass er nie genug hat von einer Gegend, dass er sich nicht abschrecken lässt, dass er nie zufrieden ist, dass er nicht akzeptieren will, dass geschieht, was geschieht, dass es hier so wenige umtreibt, dass er auch an seinen eigenen Instrumenten, seinen Bildern, seiner Arbeit zu zweifeln scheint – und deswegen die Sprache, in der er von diesen Gegenden erzählt, weiterentwickelt.

Wolf Böwig arbeitet mit Photographie, mit Schrift, er lässt einzelne Aufnahmen für sich wirken, er gestaltet Collagen, es sind unterschiedliche Materialien und Techniken, die ein ganzes überbordendes Panoptikum bilden. Aber auch jedes einzelne Bild zeugt von dieser Lust auf komplexes Erzählen.

Warum das so besonders ist?

Nun, weil das nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine moralische Entscheidung ist. Wer so viel in Landschaften der Gewalt unterwegs gewesen ist wie Wolf Böwig, wer so viel Alptraumhaftes erlebt und gesehen hat, wer wieder und wieder an den unterschiedlichsten Orten der Welt, auf allen Kontinenten, Zeuge wurde wie Menschen einander abschlachten, vergewaltigen, foltern und zerstückeln, wer all die verschiedenen Geschichten gehört hat, mit denen die Ausgrenzung und Eingrenzung von Menschen mit vorgeblichen Gründen versehen wird, der könnte leicht Krieg und Gewalt einfach für eine anthropologische Konstante halten. Etwas Naturwüchsiges, etwas Kontinuierliches, was es immer schon gab, immer geben wird, im Kern immer gleich, nichts Ungewöhnliches mehr.

Für Wolf Böwig – und davon erzählen uns seine Photos und seine Collagen – ist das Leid immer etwas Besonderes, immer etwas Aussergewöhnliches, ganz gleich wie häufig und alltäglich es sein mag, es ist immer spezifisch in einer bestimmten Wüste, einer bestimmten Stadt, für ihn ist die Gewalt nichts Einheitliches, Überschaubares, sondern sie ist verwirrend, disruptiv, vielgesichtig – und so sind eben auch diese Bilder von Wolf Böwig Ausdruck eines widerständigen Humanismus, der sich nicht gewöhnen will, der nicht vereinfachen, verschlichten, normalisieren will, was nicht normal sein darf.

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FAZ; 1.11.2018

GTR Teil 9

von Habbo Knoch

Karachi – Unübersehbar: Mit ihren Reflektoren in leuchtendem Gelb und Orange und dem roten Schriftzug EDHI trotzen die Ambulanzwagen dem überbordenden Verkehr in Pakistans größter Stadt. Als der viel geehrte Philanthrop Abdul Sattar Edhi 1957 die ersten Vans fahren ließ, stand Karachi schon zehn Jahre lang ganz im Zeichen des Zustroms muslimischer Flüchtlinge aus Indien. Er war einer von ihnen. Die Provinzstadt wurde in den Jahren danach immer mehr zur Metropole der Heimatlosen – aus dem Punjab kamen sie, aus Bengalen nach der Abtrennung von Bangladesch, aus Myanmar verfolgte Rohingya. Boom, Krise und Putsch machten Karachi zur gefährlichsten Stadt der Welt. Anfang der 1990er Jahre waren alle Ambulanzen dauernd im Einsatz. Edhi war dem nah und fern zugleich. Den Wahnsinn der Gewalt in seiner Stadt wie auch den in Papua-Neuguinea oder am Horn von Afrika konnte er „gleichzeitig durch die Schleier von zweierlei Sitten“ (Thomas E. Lawrence) betrachten. Wer wird die Geschichten so bewahren wie Edhi, der 2016 starb? Wer wird sie noch kennen, wenn sich die Täter aus der Verantwortung stehlen? „Shaking and shaking his head in irritation“ (Rabindranath Tagore) sieht Edhi uns dabei zu wie jeder Zeuge, der auf Gerechtigkeit hofft.

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