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FAZ; 2.8.2018

GTR Teil 7

von Habbo Knoch

Wagah – Verrückt: Ein Tagesmarsch führt von Amritsar nach Pakistan. Wie mit dem Skalpell gezogen teilt die Radcliff-Linie seit 1947 den Punjab, von dessen Wasser beide Seiten leben müssen. Auf dem Weg versperren immer wieder militärische Anlagen den Blick. Die Füße spüren den Boden voller Gebeine von Hindus und Muslimen, den Opfern jener tragischen, außer Kontrolle geratenen Flucht von Millionen. Pakistans neuer Premier fand damals: „Our people have gone mad.“ Wer den Grenzübergang Wagah erreichte, konnte immerhin hoffen, überlebt zu haben. Nur war die alte Heimat von hier aus genau so weit entfernt wie die neue. Für den irren Bishan in Mantos Erzählung „Toba Tek Singh“ gibt es deshalb nur noch einen letzten, wahren Ort: das Niemandsland. Heute erhebt sich hier ein zweigeteiltes Stadion, mit weit in den Himmel ragenden Masten, Tribünen wie im alten Rom und frenetischen Zuschauern im Takt der Animateure. Zur Grenzschließung werden abends die Fahnen beider Staaten millimetergleich abgesenkt. Beim kuriosen Schauspiel der Wächter verschwimmt, was Krieg, was Frieden ist. Für das Selfie aber wird viel gelacht.

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Kriegspassage – „Nah ist das Land, das sie das Leben nennen“

Ausstellung und Gespräch beim Erlanger Poetenfest 23.-26. August 2018

 

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David von Bassewitz (Illustration)

Wolf Böwig (Fotografie und Collage)

Christoph Ermisch (Grafik und Animation)

Benjamin Flaó (Illustration)

Dieter Jüdt (Illustration)

Habbo Knoch (Text)

Pedro Rosa Mendes (Text)

George Pratt (Illustration, s.o.)

Stefano Ricci (Illustration)

Thierry Van Hasselt (Illustration)

Danijel Žeželj (Illustration)

 

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FAZ; 5.7.2018

GTR Teil 6

von Habbo Knoch

Amritsar – Gefangen: Amritsar, die erste Stadt im heutigen Indien entlang der Grand Trunk Road, wenige Kilometer vom pakistanischen Lahore entfernt. Sie erstrahlt im Glanz des Goldenen Tempels, dem heiligsten Ort der Sikh. Bilder erzählen hier ihre Geschichte als leidvolles Martyrium, bekämpft von Hindus und Muslimen, Briten und indischem Staat. Ausweglos zu Hunderten gelyncht beim Massaker von 1919, zu Tausenden erschossen beim Kampf um den Tempel 1984. Doch so einfach ist es nicht. Die wehrhaften Sikhs dienten den Briten als kampfbereite Soldaten. Sie mordeten in den Waggons, die Muslime vor siebzig Jahren aus Indien nach Pakistan brachten. Wer auf den Dächern sitzen musste, konnte den Seilen nicht entkommen, die an der Grenze gespannt waren. „Dawn of Freedom“, gefangen in Gewalt und Rache. Ein verstaubter Pappzug wird zum ungewollten Symbol für den mit Blut getränkten Weg. Doch vom Mord an Indira Gandhi bis zu Manmohan Singh als erstem Sikh an der Spitze Indiens begleitet ihn auch ein Hoffnungsschein.

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Grenzgänger

The Banovina Files: “Who else, if not them”

“There was a guy who was captured in the war when he was very young.
He was held in one of the prisons in Banovina, beaten up daily. But the
worst thing for him were the exchanges of prisoners. He was taken several
times to be exchanged, unsuccessfully. This was worse than all the beatings,
than the barrel of a gun down his mouth. He had a dream he’d killed
someone, he said,I don’t know whether I’d really killed someone, they
were shooting at us, we were shooting at them, what happened on the
other side I don’t know, but I have a dream of someone coming over to
me from the ‘other side’, and asking ‘Why did you kill me?’
(Patient der Psychiatrischen Klinik Popovača)

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Asli Erdogan – Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

Die Verwundeten und Toten sind in Kobane. Kader. Das heißt Schicksal. Ich laufe die Straßen entlang, abschüssige, steile Sackgassen, künstliches Licht. Nah ist, heißt es bei Rilke, Nah ist das Land, ein Korridor erstreckt sich bis zu der belagerten Stadt, eine junge Frau durchschreitet ihn, Nah ist, heißt es bei Rilke, sie trägt Winterkleidung für Kinder mit sich, Nah ist das Land,/das sie das Leben nennen, ein Waffenlauf sucht sein Ziel … ich laufe die Straßen entlang, es gibt lärmende Menschentrauben und Schweigende, ich ziehe ein furchtbares Gewicht hinter mit her, das Gewicht lastet auf mir und der Welt, eine 28jährige Frau läuft vor den Waffenläufen her, in dem Land, das sie das Leben nennen

 

www.Knaus-Verlag.de: „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ 

Deutschlandfunk: „Eine Stimme des Gewissens“

 

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FAZ; 7.6.2018

GTR Teil 5

von Habbo Knoch

Delhi – Gestaut: Der Connaught Place im Zentrum von Neu-Delhi – kreisrund, ein Strahlenkranz wichtiger Verbindungsstraßen, in mehreren Ringen üppig umbaut. Die einhundert Jahre alte Oase der Moderne steht für einen kolonialen Traum: Indien als Planstadt. Doch er zerschellte am gewieften Eigensinn von Freiheitskämpfern wie Gandhi oder Talwar, dem Meisterspion. Als „Silver“ pendelte er gewandt zwischen Afghanistan und Indien, schickte aus dem Königspalast falsche Nachrichten an die Nazis und hielt fünf Großmächte auf Trab. Ein Muster fürs Ganze: Der Subkontinent lernte Demokratie, eine mit starken Führern und flexiblen Regeln. Neuerdings hat ein nationalistischer Hinduismus die Hauptstadt übernommen – mit Modi als Superheld. 2002 ließ er den antimuslimischen Pogrom im Gujarat geschehen. Mit seinen Triumphen werden die Feindlinien neu gezogen. Nun begeht „Verrat“, wer Rindfleisch isst, muslimisch glaubt oder beides tut. Wird Religion derart politisch, gerät die Toleranz schnell ins Gedränge der Gewalt und vermag keine Kreise mehr zu ziehen.

 

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Edition Galerie Peter Sillem: Wolf Böwig, Nordostpassage

Einmalige Edition in einer Auflage von zwölf Exemplaren mit je zwölf farbigen Blättern. Archival Pigment Prints auf Hahnemühle Bamboo 290g/qm, vom Künstler signiert, nummeriert in individualisierter Mappe

Exklusiv über Galerie Peter Sillem

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FAZ; 26.4.2018

GTR Teil 4

von Habbo Knoch

Shimla Geteilt: Stundenlang hat sich der überfüllte Zug im nordindischen Himalaya auf mehr als zweitausend Meter gequält. Nach Hunderten von Kurven, Brücken und Tunneln ist die frühere Sommerresidenz der britischen Krone erreicht. Inzwischen starten in Shimla sichere Rundreisen. Doch die Ruhe trügt. Wie Rom auf sieben Hügeln gebaut, hat auch diese Stadt so viele Verhandlungen wie Enttäuschte gesehen. Drei Abkommen schnitten im 20. Jahrhundert mit ihren „lines of control“ die stolzen Regionen Kaschmir und Tibet zurecht. Sie rissen Wunden in Staaten wie die häufigen Blitze in den bedrohlich dunklen Berghimmel. Drei Kriege brachten keinen Frieden. Indien und Pakistan legen ihre Lunten weiterhin unnachgiebig an das „Pulverfass“ Kaschmir. Dort zündeln lange geduldete Autonomie, willkürliche Teilungen, staatliche Unterdrückung und religiöse Konflikte. Auch nach mehr als 40.000 Toten allein in den letzten dreißig Jahren fliegen in der Hauptstadt Srinagar weiterhin „Stones of Fury“, wie das Magazin„Frontline“ titelt. Und nicht nur Steine.

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FAZ; 22.3.2018

GTR Teil 3

von Habbo Knoch

Kalkutta Überfordert: Wer nicht fliegt, braucht für die zweihundertfünfzig Kilometer von Dhaka nach Kalkutta (Kolkata) gut einen Tag. Hier waren 1947 und 1971, als Indien und Bangladesh entstanden, Millionen auf der Flucht, zumeist Hindus. Bengalens Schmelztiegel Kalkutta litt als „sterbende Stadt“ und die Welt mit Mutter Theresa. Wie Blut hingegen schimmert ein anderes Wahrzeichen: das von Kolonialbauten gesäumte Bassin Lal Dighi. An dessen Rand bündelt eine sauber abgetrennte Hand wie zufällig die immer wieder aufbrechende Gewalt. Als spätes Erbe der britischen Herrschaft spukt auf den Straßen von Kalkutta ein besonderer Geist der politischen Revolte. Genau wie im von Armut gezeichneten Narkeldanga Distrikt, wo schon damals Zehntausende sehnsüchtig auf die Verkündung der neuen Freiheit warteten. Doch befreit sind hier nur die wenigsten – wie so viele Gestrandete und Heimatlose in einer Stadt, die seit langem auf ihren Aufbruch zu warten scheint.

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