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Kein Zweifel, Strauß’ „unheimlicher Gast“ zitiert den Philosophen Friedrich Nietzsche, genauer: dessen Behauptung, der Nihilismus habe sich an den Tisch der europäischen Kultur geschlichen. Im Deutschland der frühen achtziger Jahre hörte man das gern und mit wohligem Schauder. Doch später, nach dem Untergang des Sozialismus, war der Befund nicht mehr zeitgemäß. Der Westen hatte den Kalten Krieg gewonnen und die ganze Welt schien wie befreit. In der Morgenröte der siegreichen Freiheit tanzten junge Menschen auf der Berliner Mauer, in Russland gab es demokratische Wahlen, in Südafrika durfte Nelson Mandela das Gefängnis verlassen. Der Triumph des Liberalismus hatte den „unheimlichen Gast“ vertrieben.
Heute ist Nietzsches unheimlicher Gast zurück, das Wort vom „Nihilismus“ hat wieder Konjunktur. Die Post-89er-Weltordnung löst sich auf, eine neue ist nicht in Sicht. Der Liberalismus, das weiß man nun, war keineswegs das Ende der Geschichte. Vielmehr scheint die Geschichte des Liberalismus selbst zu Ende zu gehen. Abermals droht der Sinn aus der Geschichte zu verschwinden. Eine Unheilsahnung macht sich breit, ein dumpfes Unbehagen, eine gespenstische Drift.
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Das Zeitalter der transatlantischen Demokratien begann mit den großen Verfassungsrevolutionen in England, in den Vereinigten Staaten und in Frankreich. Bereits in den Gründerjahren der USA hieß es „America first“, doch gemeint war etwas ganz anderes als heute. Gemeint war, dass Amerika ein Leuchtfeuer ist in einer dunklen Welt der Knechtschaft. Amerika sprengt die Ketten, das Land der Freien und Gleichen geht voran und alle anderen sollen folgen. Freiheit, glaubte der glühende Demokrat Thomas Paine, ist das Endziel der Geschichte und deshalb sei „die Sache Amerikas die Sache der gesamten Menschheit“. Und Alexander Hamilton, einer der Gründerväter, warnte: Sollte ihr Experiment scheitern, sei dies „ein Unglück für die gesamte Menschheit“.
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Wie nie zuvor ist die Weltgesellschaft auf kooperatives Handeln angewiesen, doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist die Menschheit technisch und wirtschaftlich zusammengewachsen, aber kulturell und politisch bleibt sie tief gespalten. Und erneut dürfen konservative Geister sich bestätigt fühlen: Die Menschheit, sagen sie, gibt es nicht, es gibt nur einzelne Staaten, das Wort „Menschheit“ ist eine semantische Fiktion. Auch der Glaube an „Frieden durch Recht“ sei ein Hirngespinst, also jene Entwicklung, die mit der UN-Charta und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begann. Realistisch dagegen sei eine globale Zukunft, in der sich wechselnde Staatenbündnisse mit bewaffnetem Argwohn gegenüberstehen.
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Der Aufstieg autoritärer Macht und die Krise des Liberalismus