SIGNUM MORTIS | 40.555

Der nördliche Balkan, das ehemalige Jugoslawien, dessen Nachfolgestaaten: Dort hat der Fotograf Wolf Böwig seit Anfang der 1990er Jahre wiederholt umfangreiche Reportagereisen unternommen, zuletzt im März und April 2019. So ist ein Archiv aus Bildern, Skizzen, Tagebüchern, Collagen und Eindrücken entstanden, in denen sich die gravierenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Region im vergangenen Vierteljahrhundert widerspiegeln: die Kriege, die nationalen und ethnischen Konflikte sowie der Wiederaufbau bis hin zur jüngsten Flüchtlingskrise.

Doppelheft und Ausstellung verstehen sich als eine erweiterte Dokumentation dieser Reportagereisen in den Südosten Europas. Ihr roter Faden ist der Reisende, in die Orte dieser Region eintauchende Fotograf. Der Augenzeuge vertieft seine Wahrnehmungen durch eine vielseitige Kenntnis der Literatur zu dieser Region und ihren Konflikten. Und kehrt immer wieder mit der Frage zurück: Warum?

Der Aufbau ist wie eine Reiseroute gestaltet, die um emblematische Orte kreist: Jasenovac, Popovac, Belgrad, Visegrad, Pristina und Idomeni.

Die Fotografien werden um Collagen des Fotografen, Texten von Ivona Grgurinović, Marko Dinić, Habbo Knoch, Pedro Rosa Mendes und Skizzen von David von Bassewitz erweitert. Sie bilden eigene Perspektiven, um sich der Region zu nähern.

Das Ergebnis ist eine Assemblage – eine Verbindung aus verschiedenen Zugängen, die neue Perspektiven auf die Räume der Gewalt und deren Verarbeitung eröffnen. Sie reterritorialisieren Landschaften im Bewusstsein der Betrachter, indem Orte, Grenzen und Routen über die Zeiten hinweg oszillieren – wie eine Resonanz auf die Zerstörung der Moral in den Kriegen der 1990er Jahre und deren bis heute ungeheilte Wunden.

Habbo Knoch

REFERENZ

Grenzgänger Stipendium
der Robert Bosch Stiftung / LCB, 2018

Publikationsförderung des Kulturwerks VG-Bild, 2018

VG Bild Stipendium 2020/21

Und

seit Längerem treibt mich die Frage nach der eigenen Kindheit um, die, von einer gewissen Distanz aus betrachtet und durch die Jahre hindurch, immer mehr Züge einer merkwürdigen, blutigen Posse annahm, je länger ich versuchte, die Bilder, die mir noch aus Kriegs- und Kindstagen geblieben waren, hervorzukramen, sie mit der Erinnerung Dritter aufzuwiegen, sie zu ordnen — dem Erstaunen und der Ungläubigkeit anheim zu fallen, immer und immer wieder. In meiner Erinnerung bin ich ein stets lachendes, verspieltes Kind, zuweilen frech und aufmüpfig gegenüber jeglicher Autorität. Wie ein Chamäleon passe ich mich meiner Umgebung an und meine Umgebung an mich. Das Land ist rücksichts- und rückgratlos, ist flüssig wie seine Politiker — die Erwachsenen, zumal die Männer, laut und widerborstig. Sie drücken uns Kindern die mit vielen Nullen bedruckten Scheine in die Hand, damit wir Bier aus dem lokalen Supermarkt holen, oder schicken uns vor, wenn wieder einmal die Zeit gekommen ist, den Zucker- und Ölvorrat aufzustocken. Einen Zusammenhang zwischen den sich stapelnden Nullen auf den Scheinen und der Supermarktschlange erkennen wir nicht — ebenso wenig den Krieg, der sich bei den Erwachsenen in einem unscheinbaren Seufzer oder einer kurzen Besorgnis in der Miene niederschlägt. Wir sind Kinder der Vorstädte, noch unbefangen gegenüber dem folgenschweren Spiel, das die Erwachsenen für uns bereit halten, blind für das Trümmerfeld, in das wir hineingeboren wurden — Millionäre auf Zeit.

Und

das Land, in dem wir leben, dessen zerfahrene Geschichte Spiegel und Herberge so vieler ebenso zerfahrener Biografien ist — das Land hat viele Namen, nur keinen gemeinsamen Nenner, viele Völker, nur keine Idee, die diese Völker zusammenhielte. Als ein auf den geographischen Karten des Balkan sich manifestierendes, fleischgewordenes Rätsel heißt das Land Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, heißt Königreich Jugoslawien, Sozialistische föderative Republik oder Bundesrepublik Jugoslawien — heißt Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien. Gemeinsam ist diesen nunmehr vielen Ländern der Hang zum inneren Widerspruch, der Umstand, tausend Jahre Krieg geführt zu haben gegen vermeintliche Feinde von außen, vorzugsweise aber unter sich und gegen einander. Der Aberwitz ist der Kitt unserer gemeinsamen Geschichte, ebenso der Krieg, dessen zerstörerisches Antlitz stets auch — frei nach Imre Kertész — eine schöpferische Kraft birgt, die Fähigkeit, wildeste und abseitigste Geschichten und Gesichter mit einander zu verflechten, so dass man nicht umhinkommt, von einem biografischen Geflecht der Geschlechter zu sprechen, einer durch Schuld und Tat ziselierten Topographie, die unwillkürlich den Feind (der niemals einer war) wieder zum Nachbarn werden lässt.

Und

wenn ich vom Land spreche, so spreche ich von seinen vielen Namen, die gleichzeitig seine Widersprüche sind. Wenn ich vom Land spreche, spreche ich von der Kindheit, spreche ich von  Vorstädten im Krieg. Und wenn ich von Krieg spreche, dann spreche ich von Europa.

Und

was wenn die Bomben fallen und das Spiel, das die Erwachsenen für uns Kinder der Vorstädte ersonnen haben, im vollen Gange ist, immer schon im vollen Gange war, Gang für Gang Geschichte, das Trümmerfeld plötzlich offenbar — wenn die Verkettung ihren Lauf nimmt und die Sätze zu Halbsätzen und die Wahrheiten zu Halbwahrheiten und das Spiel eine Falle und das Leben halbiert und die Menschen zu Zahlen und die Geschichten zu Gerüchten und die Namen vergessen und die Monster real und Milošević und Mladić und Karadžić und Arkan und Orić und Gotovina und Tuđman doch nur Menschen und Sarajevo zur Falle und Belgrad zur Wüste und Srebrenica zum Grab und die Kindheit abseitig und das Erwachsensein auch und die Fragen zu Stapeln wie auch die Leichen zu Zahlen und 1425 Tage über 8000 ermordeten Männern gleichen und niemand an Aufarbeitung und überhaupt jeder für sich allein — was dann?

Transit Balkan

Der Transit ist eine anonyme Zone zwischen Aufbruch und Ziel, eine monotone Strecke ohne Heimat, ein Niemandsland ohne Vergangenheit und Zukunft, eine Gegenwart voller Kontrollen, aber ohne Kontakte.

Ein solches Nichts war der Balkan schon oft, 2015 für die Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien. In ihn haben sich zahllose Menschenbewegungen eingeschrieben. Er ist ein Raum voller Mythen, Geschichten und Konflikte, Kriege, Verwerfungen und Narben. Doch was und wer zum Balkan gehört, weiß niemand sicher zu sagen.

Als die romantische Idee der Nation ihre Kreise zog, wurde der Balkan für den Westen zum „kranken Mann am Bosporus“. Wer aus London, Paris oder Berlin in die Region schaute, sah sie als das Andere der eigenen „Zivilisation“: instabil, unterentwickelt, unkontrolliert, schutzbedürftig. Ein Schlachtfeld der Großmächte und nationaler Bewegungen am Rande Europas. Sie teilten ein Ziel: das Osmanische Reich aus Europa zu verdrängen.

 

 

 

Was an neuen Staaten entstand, war so instabil wie deren Grenzen. Von den Balkankriegen bis zum Zweiten Weltkrieg beherrschten ethnische Konflikte die Region. Die Wiedergründung Jugoslawiens als sozialistische Republik war 1946 ein utopisches Projekt. Es sollte Frieden bringen und nationale Ansprüche einhegen.

Das ging einige Jahrzehnte lang leidlich gut. Aber Stolz und Hass schliefen unter dem Mantel des heldenhaften Widerstands gegen die deutsche Besatzung nur. Sie wachten auf, als der Sozialismus zusammenbrach. Sinn stifteten nun Religion, Nation, Kultur, Volk. Feindbilder und Ressentiments traten zu Tage.

Nationalismen bedienten sich alter Opfermythen. Vergangene Gewalt wurde in Siegeshymnen verklärt. Der Staat zersplitterte. In seine Bruchstellen drangen paramilitärische Verbände ein wie Wasser in Schwämme. Der Gier nach Macht, Gewalt und Profit stellte sich kaum jemand in den Weg. Ihre Väter riefen sie nicht zurück.

Die Landkarte war schon neu gezeichnet, bevor Jugoslawien in sieben Staaten zerfiel. „Ethnische Säuberungen“ trennten gewachsene Verbindungen zwischen den Menschen mit Gewalt. Zum Inferno dieser Politik wurde das Massaker von Srebrenica, von dem es bis heute kaum Bilder gibt. Geblieben sind weinende Frauen an Gräbern.

 

Fluchtwellen brachten Hunderttausende in den Westen. Der zeigte sich hilflos und ohnmächtig. Entsetzen, Achselzucken. Da war er wieder, der Balkan: Man fühlte sich um einhundert Jahre zurückversetzt. Kulturelle Traditionen sollten erklären, was geschah. Sie verdeckten aber die tatsächlichen Gründe der Gewalt.

Was hat das mit den Menschen in einem Land gemacht, das keines mehr war? Häuserwände tragen Einschüsse wie Abzeichen. Begangene und erfahrene Gewalt lastet als Tabu auf allen. Weil sich über sie nicht sprechen lässt, sterben die Seelen.

Zwei Jahrzehnte später haben wieder Flüchtlinge auf die Region blicken lassen. Die neue Szenerie der Elenden und Hoffenden wirkte allzu vertraut. Nur war der Balkan gewachsen. Er reichte von der türkischen Ägäis bis zur österreichischen Grenze. Einen Sommer lang wurden hier Staatskrisen, Armut, Nationalismus und Diktaturen vom Transit der Verlorenen überschattet.

Wieder einmal wurde der Balkan zur Arena der europäischen Moral. An Klapptischen standen Helfer, die ihre eigenen Kriege noch nicht verarbeitet hatten. Das Ziel der Heimatlosen: eine offene Grenze – wie 1989, als schon einmal andere vor ihrem Staat geflohen waren. Staunende Touristen kamen ihnen entgegen, unterwegs ins wilde Kroatien oder die geheimnisvollen Karpaten. Alle hofften nur, rechtzeitig an ihr Ziel zu kommen.

Habbo Knoch

Und

die Erinnerung, sie gleicht in meiner Vorstellung dem Lichtstrahl, der, wenn er auf Wasser trifft, bricht und sich in nasser Untiefe verliert: Vielleicht war ich nie dieses lachende Kind — vom Millionär ganz schweigen! Vielleicht waren die Erwachsenen rechtschaffen und der Krieg halb so schlimm. Die erste Bombe, die auf Belgrad fiel, der den ganzen Nachthimmel erleuchtende Lichtkegel, den ich mit eigenen Augen sah — vielleicht war alles nur ein Traum, meine Kindheit gar keine richtige Kindheit und meine Augen die eines anderen. Ich klammere mich nicht an Bilder, ich erinnere Gefühle, Gerüche, Geschmäcker, sie sind zuverlässiger als die Vorstellung eines Bildes vom Krieg, der in meiner Erinnerung immer nur ein Spiel der Erwachsenen war: der Geschmack von mit Wasser verdünntem Grießbrei, mit dem sie uns im Kindergarten tagtäglich wie die Schweine mästeten, der Gestank angebrannter Mülltonnen, stellvertretend für den Gestank des Elends in der Welt — das Gefühl der Angst, als gleich auf den Lichtkegel die Detonation folgte.

Und

die Toten, so W.G. Sebald, haben die Eigenschaft auf die seltsamste Art wieder zu kehren. Nicht meine Erinnerung gaukelt mir was vor, sondern der Umstand, nach so vielen Jahren immer noch keinen angemessenen Rahmen für sie gefunden zu haben. Das kollektive Schweigen über diese Kriege ist nur die Kehrseite der Gründlichkeit, mit der Menschen umgebracht, vertrieben, entzweigerissen wurden. Gedenken in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien bedeutet, auf sich selbst zurückgeworfen worden zu sein, der schmerzhafte Rückzug ins Private, während um einen die Säbel nach wie vor rasseln und die Ewig-Gestrigen Gegenwärtige bleiben.

Und

die Stadt hat die Vorstädte geschluckt.
Wir sind keine Kinder mehr.

Marko Dinić

Wo hat die Grenze jemals das auseinandergerissen, was die Gewalt nicht willens war, aufrecht zu erhalten. Gibt es die Grenze überhaupt – oder gibt es nur den Menschen, in dem ich alles Schlechte vermute. Seine Nationen, seine Hautfarben, seine Sprachen, seine Ursachen, seine Grenzen, seine Gewalt lassen die Kinder nachts nicht schlafen. Tagsüber sind wir müde von den Nachrichten, die sich nachts wie Wasser in Regentonnen sammeln: Gestern ist es wieder einmal passiert – mehr als achthundertdreißig / dreihundertzwanzig / achtzig / hundertsiebzig / vierzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig. Niemand redet über so viele Silben – von Zahlen ganz zu schweigen. Ein Boot voller Niemand ist die Rede nicht wert. Was lässt uns nachts nicht schlafen, was tagsüber sich wegzählen lässt. Zäher Gedanke. Ich tue den Menschen nicht recht.

Die Grenze ist der Gewaltraum – Traum des patrouillierenden Soldaten. Ich tue dem Soldaten nicht recht, er hat schließlich eine Familie zu ernähren mit Gummigeschossen, Knüppeln, Schlägen, Schrot und Blei. Die Werte warten – geduldig lassen sie jede Vergewaltigung eines Kindes durch einen Soldaten über sich ergehen. Der Tod klopft, auch er muss sich einreihen – zuerst muss sich die Lunge mit Wasser füllen. Niemand redet über so viele Menschen. Europa ist eine Statistik. Die Grenze schläft.

Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Als ob die Täter noch in der Dokumentation ihrer Opfer die Oberhand behalten hätten. Fast ohne Schutz, gleichsam nackt, sind Staatenlose wie die Rohingya in Myanmar oder Geflüchtete auf den griechischen Inseln ohne Heimat und Ziel der staatlichen Gewalt ausgesetzt.
In den Bildern lebt der Schrecken über ihre Kälte weiter. Alles ist von Zerstörung, Willkür und Macht durchdrungen, weil System und Furor sich vereint haben. Ideologien und Vorurteile, die Gruppen stigmatisieren, sind nur ein Baustein. Menschen werden markiert, um sie unsichtbar zu machen. Sie werden verwaltet, um sie loszuwerden. Zugriff. Die Klaviatur der Rechtfertigungen, an deren Ende die Gewalt kaum mehr Grenzen kennt, ist erschreckend nah an unserem Alltag. Es ginge, so heißt es, um die innere Sicherheit, um die Souveränität des Staates, um das Wohl der Gesellschaft.
Was bedeutet: das Antlitz des einzelnen Menschen, ein Ausdruck seiner Würde, nicht mehr zu sehen. Aber das war der Kern einer Vision: Jeder Mensch sei frei und gleich an Rechten.

„Die schwarze Nacht gab mit schwarze Augen.
Doch ich suche mit ihnen das Licht“Gu Cheng – Eine Generation
Samos/Hannover
Februar-April 2020

Samos, Februar 2020

„Wenn geflüchtete Kinder komplett aufgeben“

Chios/Hannover
Februar-April 2020

„Von den Todesrändern der Welt”

Chios, Februar 2020

Tagebuchdoppelseite
Samos, Februar 2020

Tagebuchdoppelseite
Lesbos, Februar 2020

„AusZeit im Paradies einer anderen Hölle”

Lesbos/Hannover
Februar-März 2020

Wo unsere Reisen meist enden, jenseits der Strände des Balkans, des Mittelmeeres oder des vorderen Asiens, werden Räume seit Jahrzehnten durch Krieg, Gewalt und die Erinnerung daran bestimmt. Jeder Konflikt steht für sich, und doch hängen sie alle und viele im Einzelnen miteinander zusammen.
Ordnungen sind seit 1990 zusammengebrochen oder haben nie bestanden, von Jugoslawien bis zum Jemen, von Melilla bis zum Chaiber-Pass. Jahrelange Bürgerkriege und wiederkehrende Gemetzel, politische Gewalt und humanitäre Flucht stehen im Schatten der vergangenen kolonialen Imperien europäischer Großmächte.
Erniedrigung wird mit Stolz begegnet, der sich im Hass beweist. Gefühle machen blind für die eigene Verantwortung. Kroaten leugnen, in Jasenovac systematisch Serben umgebracht zu haben. Nationalisten verehren Mörder vor großem Publikum wie Helden. Paschtunen beiderseits der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan leben eine Kultur, die Macht durch Kraft verherrlicht. Was sich unschwer ergänzen ließe. Eine neue Barbarei? Dagegen spricht eine Zahl: 40.555.
So viele Tote werden der europäischen Flüchtlingspolitik zugeschrieben. Die meisten lebten kaum weiter als einen Steinwurf von den Stränden entfernt. Wir sind Teil des Ganzen.

 

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