SIGNUM MORTIS

Der nördliche Balkan, das ehemalige Jugoslawien, dessen Nachfolgestaaten: Dort hat der Fotograf Wolf Böwig seit Anfang der 1990er Jahre wiederholt umfangreiche Reportagereisen unternommen, zuletzt im März und April 2019. So ist ein Archiv aus Bildern, Skizzen, Tagebüchern, Collagen und Eindrücken entstanden, in denen sich die gravierenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Region im vergangenen Vierteljahrhundert widerspiegeln: die Kriege, die nationalen und ethnischen Konflikte sowie der Wiederaufbau bis hin zur jüngsten Flüchtlingskrise.

Das Buch versteht sich als eine erweiterte Dokumentation dieser Reportagereisen in den Südosten Europas. Ihr roter Faden ist der Reisende, in die Orte dieser Region eintauchende Fotograf. Der Augenzeuge vertieft seine Wahrnehmungen durch eine vielseitige Kenntnis der Literatur zu dieser Region und ihren Konflikten. Und kehrt immer wieder mit der Frage zurück: Warum?

Der Aufbau des Buches ist wie eine Reiseroute gestaltet, die um emblematische Orte kreist: Jasenovac, Popovaca (Kroatien), Belgrad (Serbien), Visegrad (Bosnien), Pristina (Kosovo) und Gevgelija /Idomeni (Grenze Mazedonien/Griechenland).

Die Fotografien werden um Collagen des Fotografen, Texte der Schriftsteller Susana Moreira Marques, Marko Dinić und Pedro Rosa Mendes erweitert. Sie bilden eigene Perspektiven, um sich der Region zu nähern.

Das Ergebnis ist eine Assemblage – eine Verbindung aus verschiedenen Zugängen, die neue Perspektiven auf die Räume der Gewalt und deren Verarbeitung eröffnen. Sie reterritorialisieren Landschaften im Bewusstsein der Betrachter, indem Orte, Grenzen und Routen über die Zeiten hinweg oszillieren – wie eine Resonanz auf die Zerstörung der Moral in den Kriegen der 1990er Jahre und deren bis heute ungeheilte Wunden.

 

Team

Wolf Böwig: Konzept, Gestaltung, Fotografie, Collage

Susana Moreira Marques: Text

Pedro Rosa Mendes: Text

Marko Dinić: Text

Pedro Rosa Mendes: Text

Habbo Knoch: Konzept

Christoph Ermisch: Typographie, technische Umsetzung, Druckvorlage

David von Bassewitz: Ideenskizzen

Transitraum Balkan (Habbo Knoch) – PDF

 

 

Kroatien; Lipik; nach Aufraeumarbeiten in einem Kulturzentrum; 1993

Kroatien, Lipik,
nach Aufräumarbeiten in
einem Kulturzentrum,
1993

Pakrac
1993 / 2019

Kroatien; Slawonien; Okucani; serbische Einheiten haben alle kroatischen Häuser markiert und gebrandschatzt; Okucani; 1993

serbische Einheiten haben alle
kroatischen Häuser markiert
und gebrandschatzt

Kroatien, Slawonien, Okucani
1993

Slawonien; Kroatien; Lipik; 1993

Slawonien, Kroatien, Lipik
1993

Slawonien; Kroatien; Lipik; 1993

Slawonien, Kroatien, Lipik
1993

Kroatien; Knin; 1994

Kroatien, Knin
1994

Kroatien; Slawonien; Lipik;1993

Kroatien, Slawonien, Lipik
1993

Slawonien; Kroatien; Vukovar; "PEACE AND LOVE"; 1994

Slawonien, Kroatien, Vukovar
„PEACE AND LOVE“
1994

April 2019

Slawonien; Kroatien; Vukovar; 1994

Slawonien, Kroatien, Vukovar
1994

Vukovar 2019

Ihre Tage waren gezählt
Pedro Rosa Mendes

I. Auferstehung
„Unsere Tage sind gezählt“, pflegte meine Großmutter zu sagen, wenn ich in den Schmerzen des Lebens ihren Trost suchte. „Tag Eins ist der Moment, in dem du deine Wahrheit erfährst.“

Im Januar 1942 überstellten die Deutschen eine Gruppe von Frauen und Kindern aus Šabac in das Lager Staro Sajmište. Die Männer und männlichen Jugendlichen waren zuvor erschossen worden. Sie alle gehörten zu den Juden aus Kladovo: einer großen Gruppe von Juden, die Ende November 1939 von Wien aus an Bord der Uranusgegangen und die Donau hinuntergefahren waren. Ihr Plan war, nach Sulina und von dort weiter nach Haifa zu gelangen. Später wurden sie auf vier Schiffe der nationalen jugoslawischen Schifffahrtsgesellschaft überstellt und fuhren am 10. Dezember 1939 in den Hafen von Kladovo ein, um dort zu überwintern; aus Vukovar und Belgrad erhielten sie Kohle zum Heizen.
Eretz Israel erreichten sie nie. Geheime Manöver der Chamberlain-Regierung – die mit ihrer Beschwichtigungspolitik gegenüber den arabischen Staaten verhindern wollte, dass Juden nach Palästina gelangten – sorgten dafür, dass das Schiff Hildanie in Sulina ankam. Die Juden aus Wien saßen noch in Kladovo fest, als Hitler Jugoslawien besetzte. Sie wurden zuerst nach Šabac verlegt und dann mit dem Zug nach Ruma gebracht. Von Hunger und Schlägen geschwächt und bei eisiger Kälte wurden die Frauen und Mädchen auf einen Fußmarsch von Ruma nach Zemun geschickt.
„Aber ich wurde von den Deutschen gerettet“, sagte meine Großmutter Rahel vergangenen Monat zu mir, kurz bevor sie im Alter von 96 Jahren starb. Rahel, damals ein vier- oder fünfjähriges Mädchen, gehörte zu dieser Gruppe. Sie wurde „gerettet“ in dem Sinn, dass sie unter merkwürdigen Umständen aus diesem elenden Zug ausgesondertwurde. Nachdem die Gruppe von Ruma nach Zemun aufgebrochen war, wurde sie von den Feldern aus beschossen. „Nur ein einziger Schuss.“ Wenn Rahel nicht das Ziel gewesen war, so war sie doch das Opfer: Die Kugel traf sie in den unteren Rücken „und blieb dort stecken“. Die Häftlinge setzten ihren Weg fort; Rahel wurde als vermeintlich tot zurückgelassen. Jemand brachte sie nach Ruma zurück und legte sie vor der Kirche ab. Meine Großmutter sagte zu mir, sie glaube, der Priester der katholischen Pfarrei habe sie ins Haus getragen, ins Krankenhaus gebracht und diskret ihre Fürsorge und Erziehung finanziert, auch noch nach dem Krieg, als Rachelzu einer Pflegefamilie kam.

II. Tod
Am Tag nach der Beerdigung meiner Großmutter erhielt ich ein Kästchen aus Sandelholz mit einem handgeschriebenen Zettel: „Möge die Asche die Wahrheit ans Licht bringen. Tag Eins. Für immer, Deine R.“

Das Kästchen enthielt fünf Gegenstände:

Eins. Eine alte Fahne mit drei horizontalen Streifen in den Farben rot, gelb und violett und mit einem dreizackigen roten Stern im mittleren gelben Streifen. Es war die Flagge der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Rechts von dem roten Stern die handgeschriebenen Worte „Belchite, Aragón“.

Zwei. Eine Browning-Pistole, in den Griff in derben kyrillischen Buchstaben eingraviert „M. Demajo“.

Drei. Eine Kinderzeichnung mit in Trümmern liegenden Häusern, darüber vier Flugzeuge, die Bomben abwerfen. Mehrere schlafende oder tote Menschen, alle in horizontaler Position. Auf der Rückseite des Blatts, handgeschrieben in derselben Schrift: „Bombardeo de mi Pueblo en Brunete“ und: „Ruma, Feb. 42“.

Vier. Mehrere Seiten einer Ausgabe vonDimitrovac, der 1937 auf Serbokroatisch und Spanisch veröffentlichten zweisprachigen Zeitung. Dimitrovac, herausgegeben von Veljko Vlahović, war das offizielle Blatt des Bataillons Dimitrov, eines der bekanntesten jugoslawischen Bataillone in den Internationalen Brigaden.

Und fünf. Ein unvollständiger Text, vielleicht der Anfang eines Theaterstücks, handgeschrieben auf ein braunes, schmutziges Blatt Papier mit dem Briefkopf der Kolarac-Stiftung: „[Tag Eins] RAHEL – Denn die Erfahrung der Medizinprofessoren zeigt und belegt, dass Wahnsinn nicht nur die Schwermut ist, die einen Verrückten daran hindert, mit anderen zu sprechen und in Beziehung zu treten; oder die Leidenschaft eines Verzweifelten, der sich selbst zerreißt und gegen jeden wütet, der ihm entgegentritt; Wahnsinn ist auch die Fixierung der Einbildungskraft des Verrückten auf einen bestimmten Punkt, von dem er nicht mehr loskommt; und zwar in einer Weise, dass seine Geisteskrankheit nur dann zutage tritt, wenn dieser Punkt berührt wird, während er zu allem anderen [sic] in angemessener und geeigneter Weise spricht.“

III. Lazarus
In der Schlacht von Belchite konnte die XV. Internationale Brigade die Aragon-Front verteidigen, wenn auch um den Preis großer Verluste in den jugoslawischen Bataillonen Dimitrov und Duro Daković.
Das handschriftliche Fragment eines Theaterstücks entspricht mehr oder weniger einem Abschnitt aus Titel X der Verordnung des Heiligen Offiziums der Inquisition des Königreichs Portugal(1774). Titel X regelt die Vorgehensweise der Heiligen Inquisition gegenüber „Gefangenen, die im Gefängnis geisteskrank werden“.
Ich kontaktierte Freunde in der Akademie der Wissenschaften und erfuhr, dass Ende 1941 eine Gruppe prominenter Häftlinge im Lager Banjica (Intellektuelle, Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, aber auch Bankiers und Financiers, die meisten von ihnen Serben) Dutzende Vorträge zu verschiedenen Themen organisiert hatte, in denen sie bewandert waren. Das Fragment des Theaterstücks könnte dort aufgeführt oder für eine Aufführung geschrieben worden sein.
Durch andere Bekannte aus der noch verbliebenen Gemeinschaft der „mosaischen Serben“ Belgrads erfuhr ich, dass Mihailo Demajo (oder De Maio) ein sephardischer Jude war. Geburtsort: Smederevo. Vater: Isak De Majo, Armeeoffizier, getötet 1912 in Uroševac durch einen albanischen Arnanti. Mutter: Raža Pinto, geboren in Subotica, wohnhaft in Sarajevo, Banjski Brijeg. Beruf: Spanischlehrer. Mihailo meldete sich schon zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs als Freiwilliger. Er nutzte seine Kenntnisse des Ladino, der Sprache der iberischen Juden, um für die Zeitung DimitrovacGedichte, vor allem aber politische Kommentare zu schreiben.
Einen Monat nach der Einäscherung meiner Großmutter versammelten wir uns auf dem Friedhof, um ihre Asche in Empfang zu nehmen und beizusetzen. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass ich die kleine Urne in Empfang nehmen und auf das Grab legen sollte. Nach dem Zeremoniell, als sich die kleine Schar von Trauergästen zerstreute, kam der Totengräber auf mich zu und händigte mir einen Federkasten aus. Darin lag, in roten Samt gebettet, ein kleines Stück Metall.
„Es ist ihreKugel“, sagte er, die Kugel, die seit dem Angriff bei Ruma im Januar 1942 in ihrem Rücken gesteckt hatte. Die Gerichtsmedizin sei unsicher, wer den Schuss abgegeben hatte. Er stamme aus einer 9 x 19 mmm Parabellum, fuhr der Mann fort, es könnte daher auch ein Deutscher gewesen sein, vielleicht sogar jemand aus der Einsatzgruppe Serbien. „Aber man kann es nicht wissen. Die Briten haben dieses Kaliber in ihren Brownings benutzt.“
Die Browning in dem Kästchen meiner Großmutter hatte immer noch eine Kugel, darauf sorgfältig eingraviert „D1“.
Möglich, dass Mihailo Demajo eine Kriegswaise aus Spanien mitgebracht hatte: seineRahel. Möglich, dass es ihm gelang, sie auf die Passagierliste eines der Donauschiffe nach Eretz Israel zu bringen. Und möglich auch, dass er es nicht ertragen konnte, sie in ein Konzentrationslager deportiert zu sehen, als die Gruppe aus Kladovo abtransportiert wurde.
Man kann es nicht wissen. Ihre Tage waren gezählt.

(Aus dem Englischen von Rita Seuß)

 

Vukovar 2019

Bosnien; Prijedor; 1993

Bosnien, Prijedor
1993

Collage; Bosnien; Sarajevo; 2013

Collage

Bosnien, Sarajevo
2013

Lipik

April 2019

Collage; Kroatien; Lipik; 104 Brigada Lavovi 1993; Fluechtlinge 2015

Collage

Kroatien, Lipik
104 Brigada Lavovi 1993
Flüchtlinge 2015

„ Absolute Rechtlosigkeit hat sich in unsere Zeit als die Strafe erwiesen, die auf absolute Unschuld steht.“Hannah Arendt; Ueber Fluechtlinge und Staatenlose; Albanien; Kukes 1999

„ Absolute Rechtlosigkeit hat sich in
unsere Zeit als die Strafe erwiesen,
die auf absolute Unschuld steht.“
Hannah Arendt; Über Flüchtlinge und
Staatenlose

Albanien, Kukes
1999

Text 4: Pristina

„Alexanders Lieblingsstück war genau neun Minuten und 22 Sekunden lang, jedenfalls in der Studiofassung. (…) ‚So what’ erschien im Jahre 1959 auf Miles Davis’ legendärem Album ‚Kind of Blue’. (…) Das Album war sein Katechismus. Ich bin deshalb sicher, dass ‚so what’ seine letzten Worte waren, weil er den Killern, die ihn im Sommer 1999 umgebracht haben, nicht den Gefallen tun wollte, um sein Leben zu betteln. Alexander war cool (…). Denn Alexander war ein Serbe, und das war im Sommer 1999 in Pristina lebensgefährlich. (…) Alexander (…) blieb (…) auch dann noch in der Stadt, als längst albanische Schlägertrupps und Todesschwadronen durch Pristina zogen (…), um Menschen wie ihn zusammenzuschlagen oder umzubringen. (…) Sein Traum: nach Kalifornien, weg von diesem ganzen Balkanblutundboden, und dann nur noch Musik und schöne Mädchen. (…) Am Samstag, dem 21. August 1999, hat ihn sein Vater bei der KFOR und einer Menschenrechtsorganisation als vermißt gemeldet. Alex war nachts nicht nach Hause gekommen. (…) Ich nehme an, daß Alex ein Jazz-Konzert besuchen wollte, denn die fanden meistens freitags statt. Und ich bin sicher, daß er seinen Walkman dabei hatte. Meistens hörte er ‚Kind of blue’ von Miles Davis.“

(Claus-Christian Malzahn, Die Signatur des Krieges, XXX, S. 81-100)

Skizze 25.03.2019

Collage

Story Kosovo
Story NGO Grenzen

Serbien, Ungarn; Fluechtlingscamp "Jungle"; Sonnenaufgang; 2015

Serbien, Ungarn

Flüchtlingscamp „Jungle“,
Sonnenaufgang,
2015

Slowenien; Grenzuebergang Spielfeld, Sonnenaufgang; 2015

Slowenien

Grenzübergang Spielfeld,
Sonnenaufgang
2015

Mazedonien; Fluechtlingslager Stankowicz II; 1999

Mazedonien,
Flüchtlingslager Stankowicz II
1999

Mazedonien,
ein UCK-Kämpfer bringt seine Familie
in eines der Flüchtlingslager. Acht Tage
nach Rückkehr zu seiner Einheit wird er
erschossen
1999

Fluechtlinge an der serbisch-kroatischen Grenze 2015

Flüchtlinge an der
serbisch-kroatischen Grenze
2015

 

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