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lost and found: medico – Report 26 / August 2005

Im Inneren der Globalisierung – Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten

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Im ersten Teil des vorliegenden Bandes geht es um einen Begriff dessen, was
Trauma in verschiedenen Kontexten bedeuten kann. Zum Einstieg beschreibt
Usche Merk die Erfahrungen von Trauma und psychosozialer Arbeit am Beispiel
der medico-Geschichte. Die Praxis, die sich auf dem Hintergrund post-diktatorischer
Gesellschaften entwickelt hat, muss sich heute den Auswirkungen nicht-staatlicher
und innerfamiliärer Gewalt stellen und eine radikale Ethik gegen jegliche Art der
Instrumentalisierung und des Missbrauchs entwickeln.
Die Strukturmerkmale und Veränderungen, die die aktuellen bewaffneten Konflikte
prägen, erläutert der Beitrag von Anne Jung am Beispiel der jüngsten Bürgerkriege
in Afrika. Diese sind eingebunden in einen globalen Kampf um Rohstoffressourcen,
in der allein lokale Gewaltökonomien die Zugänge verwalten und kontrollieren.
Fernando Suazo beschreibt in seinem Text, wie Kultur und Identität zu einer Ressource
der guatemaltekischen Mayas werden, sich mit dem psychosozialen Trauma
zu konfrontieren und ihre Anerkennung als Subjekte einzuklagen.

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Der zweite Teil der Publikation fragt nach Verantwortung. Moderne Gewalt- und
Kriegsstrategien verwischen die Grenze zwischen Opfer und Täter, indem sie oft die
Gewaltausübung an Zwangsrekrutierte oder Söldner delegieren. Im Zentrum der
Auseinandersetzungen stehen Zivilisten, die zur Zielscheibe oder zu Tätern werden
und im Falle ihres Überlebens mit Leid und Wut zurückbleiben. Die Verantwortlichen
und Nutznießer der Gewalt werden nur selten zur Rechenschaft gezogen. Opfer- und
Täteridentitäten können in diesem Kontext zur Falle werden und Handlungsoptionen
reduzieren, die Gewaltkreisläufe unterbrechen könnten.
Welche Dimension Opfer-Täter Realitäten annehmen können, zeigt der Konflikt in
Israel / Palästina. Dan Bar-On und Saliba Sarsar analysieren die psychologische und
soziale Macht, die Opferidentitäten innewohnen und ihre symbolische Repräsentanz
an Orten der Erinnerung. Daran schließt sich der Text von Yazir Henri und Heidi
Grunebaum aus Südafrika an, der über die Macht und Beschränkung von Narrativen
reflektiert, die die Wahrheitskommission hinterlassen hat.
An Beispiel der Kindersoldaten zeigt sich die Grenze eines Trauma-Diskurses, der
Trauma zum »symbolischen Kapital« (Bourdieu) werden lässt, mit dem es gelingt,
die individuelle Geschichte in den herrschenden Fundus der Erzählgemeinschaft
einzuordnen und über diese Integration einen anerkannten Opferstatus zu erlangen.
Dabei geht der Opferstatus mit der Identifizierung des »Guten« einher und wird von
der Frage der Verantwortung getrennt. Wer Kindersoldaten nur als unschuldige Opfer
sieht, leugnet die Macht der Moderne, die solche »Monster« aktiv hervorbringt.

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Im vierten Teil der Publikation geht es um individuelle Heilungsversuche und
kollektive Veränderungen. Der Beitrag von David Becker diskutiert den Spannungsbogen
zwischen psychischer Gesundheit und Menschenrechten, zwischen Therapie
und Gerechtigkeit, den psychosoziale Arbeit als methodische Orientierung schaffen
muss.
Von Ohnmacht und den spezifischen Erfahrungen von Frauen handelt der Beitrag
von Maja Hess über eine Psychodrama Fortbildung inmitten des Konfliktes im palästinensischen Gazastreifen.Deutlich zeigt sich die Belastung der Helferinnen und Helfer in einer ausweglos wirkenden Situation. Bondu Manyeh berichtet von den schwierigen Bedingungen, unter denen Hilfe für kriegsbetroffene Frauen in Sierra Leone organisiert wird. Selbst die elementare Gesundheitsversorgung für vergewaltigte
Frauen ist in diesem ärmsten Land der Welt nicht sichergestellt.

Mit dem letzten Beitrag stellt medico international die eigenen konzeptionellen
Überlegungen zur psychosozialen Arbeit zur Diskussion. Auch wenn jede psychosoziale
Hilfe vom spezifischen Kontext ausgehen muss und es viele verschiedene
Interventionsformen und -ebenen gibt, so können doch Leitfragen, Prinzipien und
Arbeitsansätze formuliert werden, die übertragbar sind und Qualitätsansprüche für
psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten ausdrücken.

 

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